19.06.2019 /

Architekturbüro nonconform integriert Bürgerbeteiligung in den klassischen Architekturwettbewerb

Wenn Architekten, Nutzerinnen und Jury an einem Tisch sitzen, gibt es ein gutes Ergebnis und eine hohe Akzeptanz

Die Bürger bei einem Architekturwettbewerb aktiv einbeziehen, darf man das überhaupt? Wieso sollen sie beim Kolloquium dabei sein, da gibt es doch noch keine Ergebnisse zu sehen? Und wie kann es gelingen, dass Bürger bei der Jurysitzung mitreden?

 

Die Liste der Missverständnisse ist lang, wenn es um die Einbindung von Bürgerschaft bei Architekturwettbewerben geht. Dabei sind die Bürger als zukünftigen Nutzer die echten Experten für den eigenen Ort. Es liegt deshalb auf der Hand, dieses ortsspezifische Wissen mit der Expertise von Architekten und Stadtplanern zu verbinden, um damit zu besseren und auf die wirklichen Bedürfnisse maßgeschneiderten Ergebnissen zu kommen. Das ist die innovative Idee hinter einer neuen Form von Beteiligung des Büros nonconform. In mehreren Pilot-Architekturwettbewerben konnte nachgewiesen werden, dass das Konzept funktioniert und für unterschiedliche Projektanforderungen adaptiert werden kann. Es garantiert hochwertige Architekturlösungen bei gleichzeitig großer Akzeptanz in der Bevölkerung.

 

Das interdisziplinäre nonconform Team setzt schon seit vielen Jahren auf die Beteiligung von Bürgern im Planungsprozess und nimmt hier durchaus einen Vorreiterstatus ein. Mit der Partizipationsmethode nonconform ideenwerkstatt wurde ein eigenes Format entwickelt und seit 2005 permanent weitergedacht und dabei immer wieder Neues ausprobiert. Mit der Einbindung der Bevölkerung in Architekturwettbewerbe geht das Büro nun einen Schritt weiter. Durch die Verknüpfung von Fachexpertise und Bürgerexpertise tauchen die planenden Architekten und Stadtplaner nicht nur in den baulichen Bestand sondern auch in den sozialen Bestand einer Bauaufgabe ein.

 

Kern des neuartigen Verfahrens ist das Wettbewerbskolloquium, also der Startschuss für den Wettbewerb, wo sich alle Architekten am Ort des Geschehens treffen und die Aufgabe besprochen wird. Dieses Meeting wird zu einem „Symposium über ein Gebäude der Zukunft", in dem sich Architektenteams und Bevölkerung austauschen: Durch diese intensive Vor-Ort-Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Bürger am Beginn des Entwerfens gewinnen die Planer Einblicke in die Ortsstruktur, Kultur und Mentalität. Diese Soft Facts fließen zu den Eckdaten der Aufgabenstellung in den Wettbewerbsentwurf ein. Der zweite Teil des Verfahrens ist die gemeinsame Entscheidungsfindung, die nach der anonymen Abgabe der Architektenprojekte stattfindet. Die Bürger sind als beratende Mitglieder Teil der Jury. Durch den Austausch und die gemeinsame Entscheidungsfindung werden Vorurteile und Barrieren auf beiden Seiten abgebaut und Vertrauen aufgebaut. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den Argumenten der Bürger fällt die Jury dann die Entscheidung für ein Siegerprojekt.

 

„Es geht uns dabei nicht um Partizipation bis zur Türklinke, denn die Architektur, die Gestaltung bleibt Hauptkompetenz der Planer. Es geht um die Fragen der Funktionalität, der Nutzung und der Auswirkungen auf den Lebensalltag der Nutzenden. Diese Bandbreite bewegt sich von der Ebene der Möbel in einer Schule bis zur Dimension der Stadtplanung mit all ihren gesellschaftlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten", so nonconform Geschäftsführerin und Architektin Caren Ohrhallinger.

 

Als Beispiele sind derzeit die beiden österreichischen Vorreitergemeinden Mils und Fließ in aller Munde, weil ihnen durch das Verfahren die Wiederbelebung verödeter Ortszentren nach dem Konzept eines zweistufigen Architekturwettbewerbs mit intensiver Bürgerbeteiligung gelang und sehr qualitätsvolle Projekte entstanden sind. Fließ wurde Hauptpreisträger beim Europäischen Dorferneuerungspreis. „Wir haben vor dem Verfahren den Bauplatz bereits besucht und ein Erstkonzept erarbeitet. Aber durch das zweitägige Kolloquium in Form einer Ideenwerkstatt, wo wir zwei Tage Zeit hatten, einfach nur zuzuhören, konnte im Kopf eine ganz neue, räumliche Antwort reifen. Es wurde klar, dass das die viel bessere Antwort auf die Aufgabenstellung ist. So ist ein maßgeschneidertes Projekt entstanden. Dieses Zuhören und die dafür zur Verfügung stehende Zeit waren für uns ganz wichtig.", so Architekt Rainer Köberl, Sieger des Wettberwerbs mit Bürgerbeteiligung in Fließ in Tirol.

 

Das Verfahren wurde bei Schulbauwettbewerben getestet und derzeit läuft im niederbayrischen Ruhstorf an der Rott ein ähnliches Verfahren mit Betreuung durch nonconform und im baden-württembergischen Konstanz wurde der Wettbewerb zur Zukunftsstadt mit dieser Methode von nonconform begleitet.